Dienstag, 20. April 2010
Ohne dich ist alles doof
Ohne dich ist alles doof

Das letzte Foto. Im letzten September. In seinem letzten Urlaub. Da wussten wir schon, dass wir ganz bald eine Entscheidung treffen müssen. Eine, die ihm ein Sterben in Würde gestattet. Friedlich. Entspannt. So weit das möglich ist, mit heulenden Menschen drumherum.

Die Entscheidung haben wir immer wieder hinausgeschoben. "Mal gucken, wie es nächste Woche ist, diese Woche geht er doch noch so gerne mit raus, auch wenn es nur noch wenige Meter sind." Oder: "Warten wir diesen Monat noch ab, der ist eh fast vorbei, und gucken, wie es ihm im nächsten Monat geht."

Die Entscheidung hat er uns dann letztlich abgenommen. Nach einem wunderschönen Freitagabend, an dem ich beim Einkauf ganz spontan diese fettige Hühnerbrühe in den Wagen packte, die er so gerne über seinen gesunden Trockenkroketten mochte und die er dann später begeistert verschlang. Und nach einem zusätzlichen, spontanen Spaziergang, weil plötzlich nach langer Zeit mal wieder die Sonne durchbrach und es so schön freundlich draußen war.

Am nächsten Morgen ging es dann ganz schnell. Relativ betrachtet. Für ihn, der keine Luft mehr bekam, weil er quasi ertrank, und der mit uns gemeinsam eine halbe Stunde auf den Tierarzt wartete, war es sicher eine endlose Zeit. Für uns auch, in diesem Moment, rückblickend betrachtet. Seinen Kopf haltend, weil er schon so schwach war und dabei versuchend, ihn so zu betten, dass er keine Schmerzen in den athrosegequälten Knochen hatte und dabei wenigstens einen Hauch von Luft bekam.

Als der Tierarzt endlich kam, war er eigentlich schon überflüssig geworden. Und dann ging es tatsächlich schnell.

Wie wenig es das Ende für ihn war, das ich ihm gewünscht hatte. Wie gequält sein Gesichtsausdruck unter der später über ihm ausgebreiteten Decke war.

Die Spaziergänge gehen nun flotter, dauern länger, und niemand muss mehr mit dem Auto kommen, um uns einzusammeln, weil einer von uns nicht mehr laufen kann. Und doch sind sie irgendwie weniger schön.

Polly Pocket ist läufig, in diesen Tagen. Und niemanden interessiert das so recht. Niemand hier, der sich plötzlich für sie begeistert, sie, die doch sonst immer nur die geduldete Nervensäge auf der Decke nebenan war. Niemand hier, der die frischen Blutflecken mit hingebungsvollem Schmatzen von den Fliesen leckt. Oder ihr auf Schritt und Tritt folgt.

Der Blechnapf ist ganz unordentlich und schmuddelig, weil niemand die letzten Krümelchen aufliest und das Blech zum Glänzen bringt

Und doch ist es gut so, wie es ist. Ein Tod in ungefähr einer Stunde, ohne Schläuche, Maschinen und weiß-der-Himmel-nochwas, so mancher wünscht sich nichts sehnlicher als dieses. Und wir, wir wären doch niemals mit ihm zum Tierarzt gefahren, solange er noch selbst hineingehen konnte, auf seinen eigenen Beinen, freudig, weil er sich immerzu über alles gefreut hat, um ihn dann umbringen zu lassen. Niemals.