Mittwoch, 14. Oktober 2009
Strukturfrei
Struktur braucht der Tag, damit er sich nicht verzettelt und seine Stunden im Nichts verliert. Der Schmerz im rechten Ellenbogen verhindert die Einhaltung der Mittagsstruktur, welche zwei Stunden Sport vorsieht und das Schmerzmittel scheint nicht wirken zu wollen. Ich bin zwar körperlichem Schmerz gegenüber zumeist taub, aber mag meine Gelenke zu sehr, als dass ich sie sinnlos zerstören würde. So ist der heutige Mittag mit Müßiggang zu füllen. Eine Seltenheit und daher gleichermaßen irritierend wie kostbar.

2erlei Post, Oktober 2009

Der Postmann hat mir ein Päckchen vor die Kellertüre gelegt - eine interne Abmachung, die wunderbar funktioniert, bin ich nicht zugegen, um nicht in den Kasten passende Post entgegenzunehmen. Eigentlich wollte ich mit Gustave Flaubert beginnen, doch beim Blättern durch die anderen beiden Bücher, blieb ich bei Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos gleich am ersten Satz hängen.

Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie zu antworten.

(aus: Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos)


Um was genau es geht, worauf genau der Autor hinauswill, ist mir unbekannt. Die Frage nach dem Wert des Lebens jedoch stellte ich mir selbst schon desöfteren. Vergisst man einfach einmal, dass das menschliche Leben absolut unromantisch nur dazu dient, die Erhaltung der Spezies "Mensch" zu garantieren und biologisch betrachtet so rein gar nichts mit Liebe, Freundschaft, Schnick und Schnack und Pathos zu tun hat, ist die Frage nach dem eigentlich Wert nicht unberechtigt. Anders formuliert, könnte die Frage auch lauten: Ist das Leben an sich alle die Ungeheuerlichkeiten, auf die man in dessen Verlauf trifft und alle die Qualen, Leiden und Erschöpfungen überhaupt wert? Ich weiß nicht, zu welcher Erkenntnis das Buch kommen wird und ob es diese Frage überhaupt so meinte, ich kenne, wie schon gesagt, nur diesen ersten Satz, ich ganz persönlich, ich, für mich alleine jedoch beantworte diese Frage mit einem zwar behutsamen, aber klaren Ja, habe das immer schon getan, sogar dann, wenn ich des Lebens überdrüssig war und die einzige Lösung aller meiner Sorgen und Probleme das "Nichtmehrmitmachen" erschien, denn: woher will ich heute, jetzt, in dieser Minute wissen, wieviel Sonnenschein ich denn unterm Strich abbekomme? Und: es mag Zufall gewesen sein, dass ausgerechnet ich, als kleiner, blinder Samenfaden, am schnellsten das Ziel Eizelle erreicht habe, aber wenn man bedenkt, wie groß die Konkurrenz war, war das doch eine beträchtliche Leistung, die an einen Lottogewinn erinnert und den wirft man üblicherweise auch nicht einfach so fort, weil man nicht weiß, was sich mit dem vielen Geld anstellen lässt.

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Meinen Dank an dieser Stelle übrigens nochmal an jenen, der mir die beiden Fotos überlassen hat. Ich lasse ihnen noch ein wenig Zeit, bei mir heimisch zu werden, bis ich ihnen ihren endgültigen Platz zukommen lassen werde.

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Vergisst man den kalten Wind und das regelmäßige Verschwinden der Sonne hinter Wolkenschiffen, hat der Tag heute tatsächlich jenen freundlichen Oktoberglanz, für den ich den Herbst so sehr schätze. Vorbei ist die Gluthitze, welche die Lust an Bewegung vertreibt und noch fern ist der neben die Haustür gelehnte Schneeschieber. Das Laub färbt sich immer tiefer, der Boden riecht immer intensiver, die ersten Rübenberge liegen neben den Äckern, die Äpfel sind tatsächlich frisch geerntet und jeden Tag trage ich eine glänzende Kastanie nach Hause - alle meine Jackentaschen sind ausgebeult und schmuddelig, und die südliche Hauswand trägt nun bald ein vollkommen rotes Kleid.

Herbst unterm Fenster, Oktober 2009

Herbst unterm Fenster, Oktober 2009

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Auf der Suche nach Trost, oder einer Antwort auf Trostlosigkeit, oder einer Antwort auf das Ausbleiben von beidem, oder vielleicht einer Antwort für das Vorhandensein von beidem, stieß ich, mal wieder, auf Dostojewski.

Die Klage lindert nur dadurch das Leid, daß sie das Herz zerreißt. Solch ein Leid verlangt nicht einmal nach Trost, es nährt sich vom Gefühl seiner Unstillbarkeit, seiner Trostlosigkeit.

(aus: F. M. Dostojewski, Die Brüder Karamasow)


Als Kind habe ich es gehasst, nach einem bösen Sturz oder einem Streit mit Freunden mit einem Lutscher oder einem Riegel Schokolade getröstet zu werden. Als wäre mit einer Süßigkeit alles wieder gut und nichts täte mehr weh. Später dann, als Heranwachsende, habe ich mir manchmal diese Art von Trost gewünscht: Süße, egal welcher Art. Weitergebracht hat mich dieses jedoch auch nicht, im Gegenteil, umso bitterer war es, ließ der süße Geschmack nach. Heute, als, nennen wir es mal freundlich "Ausgewachsene", bin ich Trost gegenüber sehr zwiegespalten. Trost, das ist das schnelle Überdenkopfstreicheln. Ein Durchwinken, wenn es für anderes nicht reicht, weil keine Lust vorhanden ist, oder keine Zeit. Trost, das ist dieses Anstatt, die Schwester vom Mitleid, welches ein weiteres Anstatt ist - anstatt echter Hilfestellung, echtem Rat, echtem Anteil nur eine bunte, aber leider leere Geschenkpackung. So etwas will ich nicht. Weder haben, noch verteilen.

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Der Knöchelröchel hat sich an der Läufigkeit von Polly Pocket verausgabt und liegt nun leise winselnd unterm Tisch. Ich hätte ihm das gerne erspart. Dass er doch noch so lange durchhält, damit habe ich jedoch gar nicht gerechnet. Ich würde eine Entscheidung fällen, würde er danach verlangen. Er jedoch verlangt jeden Tag nach seinem Leberwurstbrot und ist ansonsten zufrieden mit den Schmerzmitteln und seinem Kissen vor dem Kaminofen. Tapferer, lebenswilliger, kleiner Kerl.